Der Devisenmarkt zeigt sich kurz vor dem Wochenende von seiner unruhigen Seite. Im Mittelpunkt des Interesses steht die europäische Gemeinschaftswährung, die am Donnerstag sichtlich an Boden verloren hat. Im New Yorker Handel notierte der Euro zuletzt bei 1,1220 US-Dollar. Zwar konnte sich das Währungspaar EUR/USD damit wieder etwas von seinem Tagestief erholen – dieses war im europäischen Nachmittagsgeschäft bei 1,1189 Dollar markiert worden –, doch die Erleichterung am Markt hält sich in engen Grenzen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den offiziellen Referenzkurs am Donnerstag auf 1,1205 US-Dollar festgesetzt, nachdem er am Mittwoch noch bei 1,1234 Dollar gelegen hatte. Der Dollar kostete damit im Gegenzug 0,8925 Euro (Mittwoch: 0,8901 Euro). Dieser Trend verdeutlicht, dass die US-Valuta derzeit wieder die Oberhand gewinnt. Analysten sehen hierfür eine Kombination aus geopolitischen Risiken, makroökonomischen Schwächesignalen aus Europa und einer anhaltend straffen Geldpolitik der US-Notenbank Fed.
Der Frankreich-Faktor: Sorgen um die Grande Nation belasten
Ein wesentlicher Belastungsfaktor für den Euro liegt derzeit in Paris. Die politische und wirtschaftliche Lage in Frankreich hat sich in den vergangenen Wochen spürbar zugespitzt. Marktteilnehmer blicken mit zunehmender Sorge auf die Haushaltslage der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone. Die französische Regierung versucht händeringend, ein striktes Sparprogramm durchzusetzen, um das ausufernde Haushaltsdefizit einzudämmen. Diese Pläne stoßen in der Bevölkerung jedoch auf massiven Widerstand.
Jüngste gewaltsame Proteste auf den Straßen französischer Metropolen haben die Unsicherheit an den Finanzmärkten weiter angeheizt. Die direkten Folgen zeigen sich am Rentenmarkt: Die Renditen französischer Staatsanleihen sind auf mehrjährige Höchststände geklettert. Besonders brisant ist dabei die Entwicklung des sogenannten Spreads – also des Renditeabstands – zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Dieser Abstand hat sich im Handelsverlauf einmal mehr ausgeweitet.
Für Investoren ist dieser Spread ein Fieberthermometer für das Risiko innerhalb der Eurozone. Wenn die Risikoaufschläge für Frankreich steigen, signalisiert dies schwindendes Vertrauen der Märkte in die Stabilität des Landes. Ein solches Szenario belastet zwangsläufig auch die Gemeinschaftswährung, da das Vertrauen in den gesamten Euroraum Risse bekommt. Nach Einschätzung der Dekabank stehen diese innenpolitischen Turbulenzen in Frankreich derzeit völlig zurecht im Fokus der Devisen-Händler.
Ölpreis-Rallye treibt den Dollar an
Neben den hausgemachten Problemen in Europa wird der Euro auch von globalen Faktoren in die Zange genommen. Hierbei spielen die Rohstoffmärkte eine entscheidende Rolle. Die anhaltend hohen Ölpreise schüren weltweit die Sorge vor einer hartnäckigen Inflation. Da Rohöl im internationalen Handel überwiegend in US-Dollar abgerechnet wird, führt ein Anstieg der Energiepreise fast automatisch zu einer verstärkten Nachfrage nach der US-Währung.
Darüber hinaus heizt die Angst vor einer neuen Inflationswelle die Spekulationen an den Finanzmärkten an. Sollte sich die Teuerung aufgrund der hohen Energiepreise in den USA wieder beschleunigen, könnte die Federal Reserve gezwungen sein, die Zinsen länger als erwartet auf einem hohen Niveau zu belassen oder im Extremfall sogar eine weitere Zinserhöhung vorzunehmen. Die Aussicht auf anhaltend hohe Renditen im Dollar-Raum macht US-Staatsanleihen für globale Investoren im Vergleich zu europäischen Papieren attraktiver, was den Greenback zusätzlich stützt und den Euro im Gegenzug schwächt.
Konjunkturelle Dämpfer aus der Eurozone
Als wäre die Gemengelage aus politischen Risiken und Inflationsdruck nicht schon genug, enttäuschten am Donnerstag auch die konjunkturellen Fundamentaldaten aus der Eurozone. Die Stimmung der Verbraucher im gemeinsamen Währungsraum hat sich im Oktober erneut und überraschend deutlich eingetrübt. Dies dämpft die Hoffnungen auf eine baldige wirtschaftliche Erholung in Europa.
Ein schwacher Konsum gilt als Wachstumsbremse für die Wirtschaft. Wenn die Verbraucher ihr Geld zusammenhalten, droht der Eurozone eine anhaltende Phase der Stagnation. Für die EZB wird die geldpolitische Steuerung damit immer mehr zu einer Gratwanderung: Einerseits muss sie die Inflation bekämpfen, andererseits darf sie die ohnehin schwächelnde Wirtschaft nicht durch zu restriktive Zinsen vollends abwürgen. Diese Unsicherheit spiegelt sich direkt im Eurokurs wider.
Ausblick für EUR/USD
Aus charttechnischer Sicht bleibt die Lage für den Euro kurzfristig angespannt. Solange sich die Gemeinschaftswährung nicht nachhaltig über die Marke von 1,1250 US-Dollar absetzen kann, drohen weitere Rücksetzer. Sollte das jüngste Tagestief bei 1,1189 Dollar nachhaltig unterschritten werden, dürften die Bären das Ruder übernehmen und Kurse im Bereich von 1,1150 Dollar anvisieren.
Für Marktteilnehmer gilt es nun, die kommenden Konjunkturdaten sowie die politischen Signale aus Paris genauestens zu beobachten. Solange der Rendite-Spread zwischen Deutschland und Frankreich nicht schrumpft und die Ölpreise auf hohem Niveau verharren, dürfte der Euro einen schweren Stand gegenüber dem erstarkenden US-Dollar haben.




